Sôkos Kalligraphie

門無俗士駕

(jap.: mon ni zokushi no ga nashi)

 

„In diesem Hause sind weltlich gesinnte Menschen nicht willkommen“

 

Man muss ehrlich zugeben, dass diese berühmte Kalligraphie des Schulgründers Ueda Sôko (nicht nur für Teemenschen) ziemlich abweisend klingt. Sollte ein Gastgeber denn nicht alle seine Gäste auf das Herzlichste willkommen heißen? Die Frage, die sich aufdrängt ist daher, was Sôko mit einem so ablehnend klingenden Satz hat ausdrücken wollen.

Viele der im Teeweg verwendeten Kalligraphien entstammen der chinesischen Zen-Literatur oder chinesischen Lyrik. Dabei wird oft nur eine Zeile eines Gedichts verwendet. Das, was weggelassen wird, ist jedoch nicht vergessen, sondern als unausgesprochener Hintergrundtext noch vorhanden. Im Falle dieser Kalligraphie ist es durchaus lohnend, sich diesen Hintergrundtext einmal anzuschauen:

 

Die fünf Schriftzeichen entstammen nämlich einem Gedicht des großen chinesischen Tang-Dichters Meng Haoran (孟浩然, 689 - 740):

 

与 君 園 廬 并 , 微 尚 頗 亦 同

耕 釣 方 自 逸 , 壺 觴 趣 不 空

門 無 俗 士 駕 , 人 有 上 皇 風

何 必 先 賢 傳 , 惟 稱 龐 德 公

 

„Für den Edlen zählen Park und Strohhütte gleich,

Auch Geringes und Hochgeschätztes weisen nicht auseinander.

Vom Pflügen und Angeln zurückgezogen zur Muße,

Ist hohles Vergnügen an Frauen und Wein ihm fremd.

Vorm Tor warten keine Wagen weltlich gesinnter Menschen

Ein solcher Mensch hat über sich nur den Wind zum Herrn.

Warum sich für ihn auf vergangene Weise berufen?

Muss man ihn doch adlig nennen wegen großer Tugend.“

 

(Übersetzung: Dietrich Roloff; die Übersetzung der entsprechenden fünf Zeichen orientiert sich hier möglichst genau am chinesischen Wortlaut).

 

Es ist anzunehmen, dass Ueda Sôko mit der Tang-zeitlichen Dichtung gut vertraut war, zumal Meng Haorans Werke einen großen Einfluss auf die japanische Lyrik und den japanischen Zen-Buddhismus hatten. Dieser eine Vers unter den vielen unzähligen Gedichten und der nicht minder umfänglichen Zen-Literatur schien Sôko besonders geeignet, sein Verständnis auszudrücken.

 

Die Suche nach einem poetischen Satz, der das eigene Verständnis ausdrückt, kennt man auch aus der Praxis des Rinzai-Zen. Dort stehen dem Übenden vor allem das zenrin kushu (禅林句集), Sammlung von Zen-Sprüchen) zur Verfügung. Nun war Sôko zwar kein Zen-Mönch, er hatte sich aber unter Shunoku Sôen (1529 – 1611), dem 111. Abt des Sangen-in (eines Untertempels des Daitokuji) im Zen geschult und von ihm den buddhistischen Namen Chikuin (竹隠) erhalten. In den bürgerkriegähnlichen Wirren der Sengoku-Ära strebte er nach einem klaren und ruhigen Geist, der durch den kraftvollen, an eine Zen-Kalligraphie (bokuseki) erinnernden Pinselstrich, in sein Werk hineingeflossen ist. Das chinesische Gedicht zeichnet das Ideal eines Menschen, der sich von den gewöhnlichen Bindungen an die Welt befreit hat, wie Sôko sich auch selbst gesehen haben mag.

 

Wir können Sôkos Kalligraphie daher auch als den Wunsch verstehen, nachfolgenden Generationen die Essenz des Ueda Teeweges und den Wert der Praxis zu verdeutlichen. Dabei kann man diese Schriftzeichen auch in einem weniger abweisenden Sinne interpretieren:

 

„Ein Mensch, der nicht beständig in der Übung dieses Weges steht, wird (gar nicht erst) als Gast vor meinem Tor erscheinen.“